Lust und Wissenschaft

von Anna

am 5 Jan 2022

Jetzt wird es ernst! Heute beschäftigen wir uns mit dem erotischsten Organ deines Körpers: dem Gehirn.

post-coital couple

Heute dreht sich alles um Psychologie und die Wissenschaft hinter der Lust. Was macht uns an, was tut unser Gehirn, wenn wir geil sind, und was tun wozu ist dieses Wissen gut? Knien wir uns rein!

Verbreitete Mythen über Lust und Verlangen

Lass uns als erstes mit den Mythen aufräumen.

Viele Leute denken, dass guter Sex "spontan" sein muss. Das ist der Traum, den uns Hollywood vorgaukelt — in Filmen trifft die heiße Person A auf die heiße Person B, sie unterhalten sich, und plötzlich packen sie sich voller Lust, fegen die Papiere vom Schreibtisch und reißen sich gegenseitig die Kleider vom Leib.

Manche Menschen machen diese Erfahrung irgendwann in ihrem Leben (oder denken, dass sie es tun — mehr dazu später) und glauben, dass sie kaputt sind oder dass etwas mit ihnen nicht stimmt, wenn sie nicht mehr das Gefühl haben, dass sie Sex "wollen". Der Gedanke, Sex mit Partner:innen "einzuplanen", kommt ihnen unromantisch vor, sie sind frustriert, weil sie nicht das brennende Verlangen nach Sex verspüren, und diese Frustration macht es wiederum schwerer, sich zu motivieren.

Die Sache ist die: Sex einzuplanen ist etwas, das du wahrscheinlich schon dein ganzes Erwachsenenleben lang tust. Stell dir vor, du lernst jemand neues kennen und fährst wirklich auf diese Person ab. Die Flitterwochenphase, der Punkt, an dem der spontane "Ich-brauche-das-jetzt"-Sex am meisten stattfindet.

Weißt du was? Eingeplant. Du siehst sie und weißt, dass Sex auf dem Plan steht. Du duschst dich mit einem gut riechenden Duschgel, du pflegst deine Intimgegend, du trägst deine schöne Unterwäsche — nicht die mit dem Loch in der Arschbacke. Dieses (oft unbewusste) Wissen und diese Vorbereitung steigert die Vorfreude und erzeugt das Gefühl brennender Lust.

Wenn du das nicht spürst, vor allem, wenn du in einer Langzeitbeziehung bist, heißt das NICHT, dass du kaputt bist. Du bist völlig normal! Lass uns über die Phasen des Verlangens sprechen und herausfinden, warum spontane Geilheit ein Trick des Geistes ist.

Die Phasen der sexuellen Erregung

Im Jahr 2001 veröffentlichte die klinische Sexualtherapeutin Dr. Rosemary Basson ihr Modell der Funktionsweise der sexuellen Erregung und des Begehrens, das auf "reaktivem Begehren" basiert. Dieses Modell besagt, dass das Begehren als Zyklus funktioniert. Das Verlangen nach Sex ist nicht die erste Stufe eines linearen Prozesses. Stattdessen fühlen wir uns als Reaktion auf etwas anderes geil. Das kann eine sinnliche Berührung durch Partner:innen sein, es kann sein, dass wir etwas Sexuelles sehen oder hören, es kann sogar ein Gedanke sein, den wir hatten. Unser Gehirn erkennt, dass etwas mit Sex zu tun hat, und entscheidet dann, ob wir positiv oder negativ reagieren sollten, je nachdem, wo wir uns befinden, was wir tun oder wie wir uns im Allgemeinen fühlen.

Diagramm: Weibliche sexuelle Reaktion nach Rosemary Basson

Quelle (PDF)

Wenn unsere aktuelle Situation (von Fachleuten oft als "Kontext" bezeichnet) bedeutet, dass wir sicher auf die erotische Aufforderung reagieren können, geht es los. Wir beginnen, uns sexy zu fühlen, unser Körper reagiert, wir wollen mehr. Wenn du fertig bist, kann sogar die Erinnerung an deine erotische Zeit eine weitere Runde des Verlangens auslösen — deshalb ist es ein Kreislauf!

Dieses Modell ist der Grund, warum wir bereits erwähnt haben, dass viele Menschen denken, sie hätten spontanes Verlangen erlebt, anstatt es tatsächlich zu erleben. Manchmal läuft dieser Prozess so schnell ab, dass man ihn gar nicht bemerkt, auch wenn man die Wissenschaft kennt.

Warum wir erregt sind... und warum nicht

Hier ist ein weiteres wissenschaftliches Modell zur Entscheidung, die dein Gehirn trifft, ob du auf etwas Sexuelles reagierst oder nicht. Das Modell der doppelten Kontrolle sexueller Erregung (auch Dual Control Model genannt) besagt, dass ein kleiner Mechanismus in unserem Gehirn unsere Reaktionen auf sexuelle Dinge steuert, und zwar mit Hilfe eines "Gaspedals" und eines "Bremspedals", wie man es am besten beschreibt.

Dein sexy Gaspedal nimmt ständig alles um dich herum wahr und ist auf der Suche nach Dingen, die dich heiß machen könnten. Dein sexy Bremspedal macht das Gegenteil: Es sucht nach Gründen, um dich jetzt nicht anzumachen. Diese Bremse verhindert, dass wir zu geilen Typen werden, die nicht essen gehen können, ohne alle um sie herum zu blamieren — sie ist also sehr wichtig!

Das ist auch der Grund, warum es so schwierig ist, sich erregt zu fühlen, wenn man gestresst ist. Wenn wir Angst vor der Arbeit haben, nach einem schlechten Tag gereizt oder deprimiert sind, weil die Welt in Flammen steht, treten wir auf das Gaspedal. Wenn wir uns Sorgen um unseren Körper machen oder darum, ob unsere Partner:innen uns respektieren oder ob wir "gut im Bett" sind, kann es uns schwer fallen, zum Orgasmus zu kommen oder Sex wirklich zu genießen.

Was können wir tun, um unsere Libido zu stärken?

Wenn du Probleme mit deiner Libido hast, solltest du als Erstes herausfinden, was dich bremst. Stell dir vor, dein:e Partner:in flüstert dir gerade etwas heißes ins Ohr. Was würde dich dazu bringen, ihn/sie abzulehnen? Mache eine Liste mit allen Dingen, die dir einfallen. Nicht nur oberflächlich!

Wenn du deine Liste hast, gehe sie durch und wähle ein paar aus, von denen du denkst, dass du daran arbeiten könntest, sie zu ändern. Fühlst du dich ängstlich oder deprimiert? Vielleicht kannst du mit deinem Arzt über eine Therapie sprechen. Bist du zu beschäftigt? Überlege, wie du etwas Zeit freimachen könntest, selbst wenn es nur ein Abend in der Woche ist. Stelle einen kleinen Aktionsplan auf und schaue, ob du anfangen kannst, das Gaspedal zu entlasten.

Du kannst auch versuchen, das Gaspedal feiner zu justieren. Wie bei vielen Dingen, die uns zugute kommen (Achtsamkeit, gesunde Ernährung, Schlafgewohnheiten), braucht es auch hier ein wenig Übung! Du kannst zum Beispiel versuchen, dir jeden Tag ein wenig Zeit für deine Sinne zu nehmen. Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um langsam zu atmen, und versuche, dich auf deine Sexualität einzustimmen. Denke sexy Gedanken, fantasiere, spiele damit, wie sich verschiedene Texturen und Berührungen auf deiner Haut anfühlen und wie dein Körper auf diese Stimulation reagiert.

Eine weitere unterhaltsame Möglichkeit ist es, Rollenspiele zu spielen. Damit meinen wir nicht "Räuber und Gendarm" (obwohl das später noch kommen könnte)! Nimm dir einen Moment Zeit und stelle dir vor, dass du ein wirklich sexueller Mensch bist. Erotisch, neugierig auf Vergnügen, verspielt. Wie würde das aussehen? Wie würdest du dich deinem Schatz gegenüber verhalten? Wie würdest du dich mit deinem Körper fühlen? Wie würdest du den Sex einleiten und wie würdest du reagieren, wenn dein:e Partner:in dich voller Begehren anblickt?

Wenn du den Mantel einer sinnlichen, selbstbewussten und begehrenswerten Person anprobierst, wirst du feststellen, was du an deinem Verhalten beim Sex ändern könntest. Vor allem, wenn du es mit den Dingen vergleichst, die dich aufhalten oder bremsen.

Schließen wir den Kreis: Sex einplanen.

Wie wir bereits erwähnt haben, ist das Gefühl der Lust nicht der erste Schritt auf dem Weg zum Sex. Wenn du wartest, bis du es aktiv willst (vor allem, wenn du eine niedrige Libido hast oder eine Weile brauchst, um in Fahrt zu kommen), wirst du vielleicht eine Weile warten müssen. Oft entsteht der Wunsch, etwas zu tun, nicht dadurch, dass man etwas anfangen will, sondern eher dadurch, dass man mehr von etwas will. Ein guter Vergleich ist Sport: Hattest du schon einmal das Gefühl, dass Sport das Allerletzte war, was du tun wolltest, und dann, als du anfingst und die Endorphine einsetzten, fühltest du dich großartig? So ist es auch beim Sex!

Dies wirft einen UNGLAUBLICH wichtigen Punkt in Bezug auf die Zustimmung (Consent) auf. Es ist falsch — in jeder Hinsicht — mit jemandem Sex zu haben, der/die das nicht will. Man sollte sich niemals zum Sex zwingen, wenn man nicht will.

Wie können wir dieses Dilemma umgehen, dass wir einerseits Sex haben wollen, andererseits aber erst dann Lust haben, wenn wir schon Lust haben?

Der erste Schritt ist ein wichtiger: Kommunikation. Sprichmit deinen Partner:innen darüber! Sage ihnen, wie du dich fühlst, zeige ihnen diesen Blogbeitrag, erkläre ihnen, wie reaktives Verlangen funktioniert. Sage ihnen, dass du für Lust offen bist und dass sie darauf vertrauen können, dass du ihnen sagst, wenn du etwas wirklich nicht willst. Vergewissere dich, dass du darauf vertrauen kannst, dass sie im Gegenzug aufhören.

Der zweite Schritt besteht darin, Zeit einzuplanen, nicht für Sex, sondern für Intimität. Zeit, um sanft das Vergnügen miteinander zu erkunden. Versuche, diese Zeit mit Neugierde zu verbringen. Küsst euch, berührt euch, seid zärtlich, spielt. Schaut, was passiert, wenn ihr euch Zeit nehmt — ohne Erwartungen —, damit euer Verlangen wachsen kann. Lasst euch von diesem Gefühl der Freude leiten. Vielleicht fühlt ihr euch, frei von der Forderung nach "Leistung", mit eurem Schatz verbunden, kuschelt Haut an Haut und schlaft ein. Oder vielleicht, nur vielleicht...

Anna

Verfasst von Anna. Lovehoney Redaktion
Anna schreibt seit 2020 für Lovehoney und ist Co-Moderatorin des britischen Sexual Happiness Podcast.
Sie ist der Meinung, dass jeder Mensch es verdient, sich in seinem Körper, seiner Sexualität und seinen Beziehungen selbstbewusst zu fühlen, und liebt es, ihnen dabei zu helfen.

Zuerst veröffentlicht am 5 Jan 2022. Aktualisiert am 5 Jan 2022
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